Auf diesem Blog wurden von 1989 bis 2018 Texte und Erzählungen veröffentlicht. Im Laufe der Zeit entstanden Geschichten für Chanel, Louis Vuitton, Fendi und Rolex, um nur einige Marken beispielhaft zu nennen.


Das Licht der Welt (1990)

Hipp, Hipp, Hurra! Ein Künstlerfest in Skagen! In Göteborgs Kunstmuseum verweilt mein Blick auf einer Arbeit des dänischen Künstlers Peder Severin Krøyer, das eine Gruppe feiernder und sorgloser Skandinavier in einer kameradschaftlichen Atmosphäre zeigt. Die Szene ist in ein gedämpftes warmes Sonnenlicht getaucht, und augenblicklich liege ich in meinem Schlafsack mit den blauen Möwen und schaue auf die zwei Meere, die an der Nordspitze Jütlands aufeinander branden, und denke an den letzten Urlaub, den wir Schulfreunde in unbeschwerter Stimmung ebendort verbringen. An einem Augustabend des Jahres 1989 brechen wir um sieben Uhr in Detmold auf, um die nördlichste Spitze Dänemarks noch rechtzeitig vor Sonnenaufgang zu erreichen. Die vertrauten, kleinen Straßenzüge sind schnell passiert und wir fahren durch tunnelartige Dunkelheit, bis wir Stunden nach der letzten flimmernden Autobahntankstelle Skagen erreichen. Das Auto stellen wir weiter westlich Richtung Grenen ab, denn am schönsten ist es, die 20 Minuten barfuß über den endlos langen Sandstrand zu laufen. Jörn und Alexander gehen mit dem Proviant in schnellen Schritten voran und wir Mädchen lassen uns ein wenig abhängen, damit die Jungen nicht merken, dass wir fast von unseren Emotionen überrannt werden, als unser Blick auf das Land mit seinen Dünen gleitet, den im Wind wogenden Strandhafer, den zerrissenen Wolken über unseren Köpfen und dann auf das Wasser schweift. Die Sonne taucht langsam auf und vermag den Strand noch nicht richtig auszuleuchten, verleiht dem Morgen eine mystische Stimmung. Jörn und Alex stehen schon im Wasser, der eine rechts in der Nordsee und der andere links in der Ostsee und mittendrin treffen die Wellen aufeinander. Baden sollte man hier sowieso nicht, und mir ist kalt und ich klettere in meinen Schlafsack, um mit blinzelnden Augen die Wanderung der Sonne bis zum Zenit des Himmels zu verfolgen. Das Spiel der Jungen, das spritzende Wasser, Jörn hat die Jeans aufgekrempelt und wirkt seltsam fremd. „Er hat die Hose für dich gekauft“, flüstert mir Gudrun zu und ich habe es geahnt. Sein verändertes Verhalten nervt mich längst und ich widme mich lieber dem wichtigsten Protagonisten meines Bildes, dem frühen Sonnenlicht, hole meinen Skizzenblock hervor und versuche mich zeichnerisch zu nähern. Gudrun schläft schon und auf ihrem Gesicht zeigt sich eine leichte Röte, die Sonne wärmt allmählich unsere Körper. Im Kunstunterricht sprechen wir über Paul Klees kunsttheoretische Schriften, und mir gefällt sein Minimum an Strich und die Farbe der Aquarelle. Dem hingegen strebe ich Figürlichkeit und realistische Darstellung an. Der Strand der Skagener Künstlerkolonie ist kein lichtdurchfluteter wie eben der im Süden und gesäumt von Kieseln und grobem Sand, und das von Hans Christian Andersen erwähnte legendäre Licht ist wie geschaffen für Maler. Besonders begeistern mich die Szenarien Peder Severin Krøyers. Seine Werke zeigen das sorglose Leben der Künstler, ihre Feste, Spaziergänge am Strand und stimmungsvolle Abende im Mondschein. Die Möwen schreien unablässig in der tosenden Brandung, reißen mich jäh aus den Gedanken und zwingen meine Augen zur Bewegung hin auf die zur Schau gestellte spielerische Rivalität der Jungen, und ich vermisse ihre offene Haltung der Unschuld und bemerke derart, was mich stört. Gewissermaßen ist es keine ungetrübte Idylle kindlicher Freundschaft mehr und gleichzeitig spüre ich, dass das Bild in erster Linie eine Fläche ist, auf der Farbe und Striche angeordnet sind und erst in zweiter Linie eine realistische Darstellung. Das Licht der Welt fällt sanft auf meine kleine Skizze, die nur noch aus Farbe besteht und ich ahne, dass man hier oben manchmal weit mehr begegnet als zwei Meeren.