Eröffnung der Ausstellung "at dusk , at dawn", am 01.02.2015 in der  Städtischen Galerie im Park Viersen


Sehr geehrte Damen und Herren!
Liebe Ute Schätzmüller! Sehr geehrte Frau Pitzen!


„at dusk, at dawn“ - besser hätte Schätzmüller den Titel der Ausstellung nicht wählen können, denn die Dämmerung lässt uns Dinge in den nur ihr eigenen typischen Farben erscheinen. Die graublauen Farben des Erdschattenbogens, das durch die Staubpartikel in der Atmosphäre erzeugte Purpurlicht, das farbige Streulicht des Sonnenuntergangs (das Alpenglühen), die Perlmuttwolken der weißen Nacht und die blaue Stunde. All diese optischen Phänomene der Dämmerung, lassen die Dinge nicht in reinem Glanze erscheinen und die Formen verschwinden.

Auf den hier gezeigten Drahtlithografien „dawn“ und „dusk“ (beide von 2012) arbeitet Schätzmüller mit eben diesen dämmerungstypischen Farben und das Zusammenspiel von Form, Farbe und Licht ist alles andere als willkürlich zu nennen, sondern reich an atmosphärischen Effekten. So konturiert sich die Form als Abdruck aus schwarzer Tusche auf Papier, und Ute Schätzmüller kombiniert diese anschließend durch den kontrollierten Einsatz von gedeckter Farbe, später kommen mit Druckerschwärze eingeriebene Drahtfiguren hinzu, die es als Vorstudie der Zeichnung in ihrer Malerei zu klassifizieren gilt.

Während auf der Lithografie „dawn“ im Lichte der Morgendämmerung die aufgehende Sonne die Figur einer über toten Körpern knienden Frau erhellt, verschleiert der Auftrag von schwarzer Farbe bei der Abenddämmerung „dusk“ jede darunter liegende Form oder Figürlichkeit.

Ute Schätzmüller kehrt auf ihren Bildern zu den Ursprüngen der modernen Malerei zurück, dorthin, wo die Gegenstände ihre Konturen verlieren und sich im Spiel der Farben auflösen.
Und so hält Schätzmüllers akademischer Lehrer Prof. Jörg Eberhard fest, „die Lithografie bietet der Künstlerin die Trennung und eigenständige Bearbeitung der Form und der Farbe“.1  Folgerichtig ist es die Arbeit an der Lithographie, die sie zu ihrer heutigen Malweise führt: Schätzmüller entwirft Landschaftsräume mit starker Tendenz zum Informell, zur rein gestischen Malerei und gleichzeitig betont die Künstlerin den „Hunger nach Figur“ und resümiert damit nicht nur die eigene Präferenz: „Der Mensch, das Wesen, die Figur ermöglicht immer den Zugang des Betrachters in das Bild“ und „durch die Figuren gebe ich den Bildern eine Handlung bei“. „and so it begins“ (2014) In vielerlei Hinsicht offenbart dieses Gemälde keine freundliche, für den Betrachter leicht zugängliche oder einladende Szene. Das Bild zeigt keinen spezifischen Ort. Eine stille, mit gesenktem Haupt, in fast theatralischer Pose ausharrende Figur weist den Weg in den leeren Raum. Ein Gerechter der Vorzeit, die Endzeit voraussehend, vielleicht. (Daniel (bleeding) von 2013 ist auch so ein Bild.). Dem entgegengesetzt ist „and so it begins“ keineswegs ein ruhiges Werk. Es ist von Energie und Spannung durch die Symbolkraft des ausgestreckten Armes geprägt. (Eine ähnliche Energie lässt sich auch auf dem Bild „... would YOU keep it?“ beobachten. Die beiden Hände berühren sich nicht und in der Bildmitte entsteht eine starke dynamische Spannung und Symbolkraft.) So fängt es an. Schätzmüllers virtuoser Einsatz von Schwarz über den sonst gedeckt aufgetragenen Farben des Bildes lässt eine paradoxe Trennung aus starker Figürlichkeit und scheinbarer Verschmelzung mit dem Raum entstehen. Und so beginnt es. Neu. Es beginnt bei ihr, wie immer, mit der privaten Imagination, die, anders denn die Wahrheit, erinnerungsbasiert, also konkret ist. Das allein aber führt zu nichts, das weiß auch Schätzmüller.

Überraschend romantisch nenne ich die Figuren Schätzmüllers, einen Bruch ortend, der die Welt gespalten hat, in die Welt der Vernunft und die Welt des Gefühls und des Wunderbaren. So war die treibende Kraft der deutschen Romantik eine ins unendliche gerichtete Sehnsucht nach Heilung der Welt, nach Zusammenführung von Gegensätzen zu einem harmonischen Ganzen. Schätzmüllers Malerei bedarf hingegen keiner symbolischen Orte zur Manifestation dieser Sehnsucht. Keiner nebelverhangenen Waldtäler oder mittelalterlichen Klosterruinen.

Blickt man auf das Bild „The guardian“ (2014), auf den Beschützer, Betreuer oder auch Hüter, wird auch hier das Leitmotiv der Romantik Thema der Betrachtung: Die Suche nach Schutz, innerer Einheit, Heilung und Unendlichkeit. Feine Verläufe von mit Wasser vermischter Acrylfarbe auf der Leinwand, die sich wie
zarte Risse durch die Firniss ziehen oder markant hervortreten und so Lichtverläufe evozieren, sprechen von Zufälligkeit und hängen doch auf das Engste mit der sichtbaren Szene zusammen, den Bildhintergrund bis hin zur Formauflösung der Interpretation durch den geneigten Betrachter preisgebend. Ein Strand, ein Meer oder ein See? Handelt es sich überhaupt um ein Stück Natur? Man weiß es nicht. Durch ihre verschwommene Maltechnik erzeugt Schätzmüller eine unmittelbare Stimmung - als wäre der Betrachter ein Teil der Szene und vielleicht völlig erschöpft von der Anstrengung der Rettung oder der Rolle des Beschützers. Schätzmüller gelingt es in Vollendung, eine Aura des Unbewussten und Irrationalen zu schaffen, und so wundert es nicht, dass neben menschlichen Figuren auch Tiere, in diesem Fall Wölfe, als Begleiter fungierend oder auch allein, auftauchen. Kraft (angesichts) der Wölfe fällt es auch nicht schwer, in dem Bild „drawing nearer“ einen märchenhaften Charakter auszumachen. Einsam und in sich versunken harrt die Figur im dunklen Wald (Und auch hier wieder die Frage, handelt es sich um einen Wald?), während ein Wolfsrudel in kurzer und neugieriger Distanz ein waches Interesse zeigt. Weder unheimlich noch bedrohlich. Der Wolf, ein Tier der Dämmerung, der Dunkelheit, nachtaktiv, und so könnte man recht uncharmant behaupten, Schätzmüller benutze den Mythos, um den Inhalt zu stützen. Aber wir haben es hier mit einer ungewöhnlich professionellen Künstlerin zu tun und auf das Ästhetische bei Ute Schätzmüller bezogen: „Alles im Kunstwerk Erscheinende ist virtuell Inhalt so gut wie Form, während diese doch das bleibt, wodurch das Erscheinende sich bestimmt, und Inhalt das sich Bestimmende.“ Es geht um Zwischentöne, subtile Kontraste zwischen Licht und Schatten, Schwarz und Weiß, aber auch zwischen Realität und Fiktion, Diesseits, Jenseits, Heute und Gestern. Poetisch möchte man diese Kunst nennen, hervorgebracht ohne sichtbare Vollendung des Bildes, ohne als absolut gesetzte Idee. Und erst dies macht eine Atmosphäre möglich, die eine Geschichte vor dem inneren Auge des Betrachters entstehen lässt, denn „alles Dargestellte muss aus der Erfahrung des Auges neu entstehen, die Instanz der Materialität durchlaufen, die ihm allererst eine spezifische Sichtbarkeit verleiht“ .

Glücken kann dies nur, weil Inhalt und Darstellungsmittel zueinander passen. Die Welt.der Künstlerin ist bei aller Melancholie und Mystik plausibel. Schätzmüller gelingt es in Vollendung, ihre Darstellung „durch das Nadelöhr einer sinnlichen Formulierung hindurchtreten“ zu lassen und dennoch den Nimbus des Geheimnisvoll-Narrativen zu bewahren, die den Betrachter gleichermaßen als Nach- und Neuschöpfer ihres Werkes identifiziert, ihm die ideale Position zuzuweisen und eine tiefe Seelenempfindung auszulösen vermag: „Dem Werk gegenüber blieb dennoch Melancholie zurück, weil es das Dilemma des Subjektes, unendlich zu fühlen und doch endlich zu sein, allzu deutlich widerspiegelt.“


Götz, Karl Otto, Erinnerung und Werk, 2 Bde., Düsseldorf 1983, Bd.1a, 515, 537; ders. in: Symposion Informel 8. Oktober bis 12. Oktober 1982 – Die Malerei der Informellen heute. Ausstellung 8. Mai bis 19. Juni 1983, hg. v. Georg-W. Költzsch, Saarbrücken 1983, 46.


1 Jörg Eberhard, „Bild, Geste, Erzählung und Farbe“ in: Ute Schätzmüller, “edge of the void - Malerei, Lithografie, Zeichnung“, Bönen 2012.


2 Adorno, Ästhetische Theorie, hg. v. Gretel Adorno u. Rolf Tiedemann, FfM 1973, 218.


3 Belting, Hans: Das unsichtbare Meisterwerk. Die modernen Mythen der Kunst. München. 1998. S.29.