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Every Friday a Note

L’ état c’est moi oder „Louis, ich kündige Dir die Freundschaft“

„Der Staat bin ich“. Als wir die heiligen Hallen des Luxuslabels Louis Vuitton in Hamburg betreten, zwinkert uns der Security Guard freundlich zu, doch meint dieses „Willkommen“: „Lasset, die ihr diese Schwelle betretet, alle Geduld walten“, und wird derart zum wesentlichen Merkmal der Boutique-Politik. Jeder neue Kunde wird noch an der Eingangspforte von einem zweiten Guard sorgfältig beschreibend und in Reihenfolge auf einem ipad verzeichnet. Wir sind zum Beispiel die Dunkelhaarigen mit den (hell)braunen Taschen: Hermès und Chloé. Wir kommen von der Konkurrenz und rangieren in der Hierarchie noch hinter der Truppe von älteren geschlechtsgemischten Asiaten, die alles anfassen, dabei intensiv im Ohr bohren, um später gelangweilt in den Sofas zu lümmeln und nach beendetem Einkauf die schönen Taschen wie Schlafsäcke aufgerollt in ihre angeschrappten Plastikrucksäcke zu quetschen. Auch die dicken, laut telefonierenden Russen mit ihren groben Gesten, den Diamant beringten Fingern und den riesigen dünnen Frauenpüppchen in rotbesohlten mindestens 12 Zentimeter hohen Louboutins zur Seite werden gleich dem tuschelnden Grüppchen junger asiatischer Hippster mit Yeezez an allen acht Füßen, nebst LV-iPhone-Hüllchen in den Händen, bevorzugt behandelt. Die vier jungen Mädchen sind mit dem besten aller Verkäufer hinreichend bekannt und tauschen schlüpfrige Details des Vorabends aus, können aber ganz in Manier ihrer älteren Kontinent-Genossen nicht ganz auf das Betatschen der Ware verzichten. Glücklicherweise werden wir auf der hauseigenen VIP-Liste aber vor dem schmierigen Kollegha-Lookalike gehandelt. Der hängt auf einem Hocker am Schmucktresen so locker wie am Ballermann auf Malle. Und seine Begleitung, eine goldig behängte, zweifach falsche Gucci-Blondine führt das ganze Szenario schon mal per se ad absurdum: Gucci ist nicht blond, und Chanel ist nicht die Pop-Maid Rihanna. Nur bei Louis Vuitton erscheinen Prostitutions-Chic, Kleinkriminelle und sexuelle Sklaverei glamourös und begehrenswert. Und man ahnt: Das Flaggschiff des LVMH-Konzerns wird den Proll-Charme nicht los, und Nicolas Ghesquière oder auch Virgil Abloh können machen, was sie wollen; historische Elemente mit einem neuen Futurismus verbinden. Whatever. Es gelingt nicht, diese zwei Welten zu einen. Wie kann die Relevanz von Mode sichtbar gemacht werden, wenn es doch einzig darum geht, die Taschen an Mann, Frau, egal wen, zu bringen. Profit ist das Schlüsselwort und da hilft auch die bühnenreife Glamour-Image-Pflege nicht weiter. Es ist ein Krieg der Handtaschen, der mit Mode oder distinguierter Lebensart scheinbar nicht viel zu tun hat. Doch dieser Luxus brummt, denn die teuersten Häuser werden immer jünger. Genau! Handtaschen, Geldbörsen, iPhone-Etuis erreichen die junge Käuferschaft. Damit sie sich erst einmal mit der Marke und deren Image identifizieren können, wird die Mode entsprechend verjüngt. Während ich auf angestaubte Vitrinen mit verdreckten Glasfronten blicke, denke ich an Conrad Ferdinand Meyers Gedicht „Der römische Brunnen“ und dass der Reichtum, den der Wasserstrahl in seiner Fallbewegung abwirft, wahrlich von zweifelhafter Natur ist, da die Marmorschale das Wasser gar nicht vollständig aufzunehmen vermag, wird sie derart zum Symbol des Überflusses. Im Geschäft herrschen hitzige Temperaturen und man fühlt sich wie im deutschen Zug: ohne Wasser und ohne Klimaanlage. Meine Tochter Anna murmelt: „Du wolltest doch wissen, wie das Klima in China war?“ „So wie hier - genau so!“ Wahrscheinlich vergeht eine weitere lange Zeit, bevor der bleiche Verkäufer, ganz ohne böse Absicht, aber nicht minder brutal, in meine Gedanken bricht. Als wir die Treppe hinaufsteigen, ist auch in der oberen Etage von Luxus nicht die leiseste Ahnung und zwei Besucher, die schon im unteren Stock meine Aufmerksamkeit erregt haben, befinden sich in einem heillosen Durcheinander von einst teuren Dingen. „Meister“! Der über und über tätowierte Mann im Schiesser-Feinripp-Unterhemd und sein nicht minder auffälliger Begleiter probieren einen Schuh nach dem anderen an und aus. Eigentlich ganz lässig, denn in der Männerabteilung wird heute nicht bedient. Es sei denn, man hat unten einen Sales-Assistent zugewiesen bekommen. Nach Stunden. So wie wir. Oder man wartet nicht, so wie die. Und das forsch gerufene „Meister“ meint unseren bleichen Verkäufer, dabei unablässig auf die „Töppen“ zeigend. „Meister, was kosten die?“, ruft er erneut herüber. „500 Euro oder so“, stottert der verdatterte Bleiche, bevor er sein Handy zur Hilfe nehmen kann und naserümpfend realisiert: Da werden doch klar die Regeln verletzt. Diese ungeschriebenen Gesetze des Vuitton-Staates. Nur schauen und kaufen! Aber anfassen? Ein weiteres Paradox, bei dem mir nicht wohl ist, denn die, die gegen die Regeln verstoßen, führen die Ambivalenz des Überflüssigen offen zur Schau. Vielleicht ist es wie vermutet und Louis der XIV. hat auf dem Sterbebett gesagt: „Je m’en vais, mais l’Etat demeurera toujours.“ Ich gehe fort, doch der Staat bleibt zurück. Also los: Chanel-Kundinnen jedes Alters, vereinigt Euch! Wir sind nicht länger an das Prinzip des Überflusses, des Luxus gebunden. Au revoir, Louis! Ich kündige dir die Freundschaft.

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