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Every Friday a Note

Das Atelier der fünf Sinne - Eine Hommage an Kenzō Takada

Im Laufe der Jahre habe ich dreißig oder vierzig Modenschauen miterlebt. Etwa zu dem Zeitpunkt als Kenzō Takada auf einem Elefanten die Zirkusbühne erobert und Models mit durchsichtigen Uniformen auf Pferden durch die Manege jagt, besuche ich im zarten Vorschulalter die erste Modenschau, in der ich, ganz im Geist der 70er Jahre, durch Improvisation und Selbstvertrauen hervortrete. Nur einen Augenblick unachtsam, den Kopf dann schnell zur Bühne auf das Kind gerichtet, erlebt meine Mutter eine bis heute erinnerte Überraschung. Da steht nun tatsächlich, von Mannequins umringt, die kleine Tochter und singt ein schräges Lied, selbstgedichtet und gereimt und bekommt anschließend zwei Schlafanzüge als Dank vom Veranstalter. Wie wir dann tatsächlich über die Pyjamas des kleinstädtischen Modehauses in der Boutique von Kenzō Takada in Paris landen, kann ich heute nur noch dürftig rekonstruieren. In den 80er Jahren arbeitet meine Mutter für ein Pariser Unternehmen, das in regelmäßigen Abständen in die französische Metropole einlädt. Bei einer Veranstaltung im Lido kommen meine Eltern höchstwahrscheinlich in Kontakt mit den Kreationen des Modeschöpfers, der so voller Widersprüche und Rätsel steckt. Die dramatischen Auftritte, die Vorliebe für exzessive Partys und Vernissagen stehen seiner Schüchternheit, seiner freundlichen Zurückhaltung und seiner Humanität schräg gegenüber. Die ersten Kleidungsstücke aus der KENZO-Jungle-Kollektion lassen uns Kinder vor Begeisterung jubeln. Fortan dreht sich in meiner Welt alles um japanische Lebenskunst und Modeart. Es ist diese Mischung aus europäischem Chic und asiatischen Einflüssen, die besonderen Stoffe, die wallenden, blumigen Kleider, die Kastenform der Schnitte, die leuchtenden Farben, die Dschungelmotive und nicht zuletzt der Ethno-Stil. Kenzō Takadas Vorliebe für Formen aus der Tier- und Pflanzenwelt verbunden mit den weiten Schnitten ist derart kunstvoll, man meint, er habe einen Nō-Schauspieler mitsamt seiner Maske in ein Gemälde des Douaniers Henri Rousseau katapultiert. Wenn Kenzō von sich selbst sagt, er sei eine romantische Seele und sein 2004 gegründetes Label für Wohnaccessoires "Gokan Kobo" nennt, das Atelier der fünf Sinne, dann sollte sicherlich hinzugefügt werden, dass er eine ganz ungewöhnliche Wahrnehmung des Unsichtbaren hat. Kenzō Takada hat die seltene Gabe ein, zwei oder mehrere von ihrem Wesen her völlig unterschiedliche Dinge miteinander in Verbindung zu bringen. In diesem Spannungsfeld wird für kurze Zeit sichtbar, was wirklich große Kunst ausmacht. Und genau das findet seinen Ausgangspunkt im widersprüchlichen Charakter des menschenfreundlichsten Modeschöpfers unserer Zeit. Ein Trost, dass seit 2011 mit dem Designerduo Carol Lim und Humberto Leon zwei absolut würdige Nachfolger gefunden sind.