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Every Friday Note

 „wer weiß vielleicht“ - Eine Hommage an James Joyces Dublin  

Alle Welt hat den Ulysses von James Joyce gelesen. Und das ist nicht wahr. Noch Jahre später funktioniert das Bild wie ein Trigger: Das Rasiermesser blitzt in der Morgensonne, und ich bin oben auf dem Turm und schaue auf die Bai von Dublin, sehe die graue liebe Mutter und das Postboot, das sich eben aus der Hafeneinfahrt von Kingstown löst. Doch den Ulysses erneut befragt, gibt es da keine Morgensonne, in der das Rasiermesser von Buck Mulligan changieren könnte. Es ist die milde Dubliner Morgenluft, die Joyce beschreibt, und es ist das verschattete Gesicht Mulligans, was die Erinnerung so trügen kann. Vor über dreißig Jahren fische ich an einem regnerischen und kalten Nachmittag, wie so oft und doch zufällig, zwei wertvolle Fundstücke aus dem übervollen Regal meiner Eltern: „The happy Prince and other stories“ von Oscar Wilde und „Ulysses“ von James Joyce. Das erst genannte Buch habe ich geliebt und beim Zweiten sollte ich für lange Zeit nicht über die ersten zehn Seiten hinausgelangen. Der feiste Buck Mulligan gefiel mir recht wenig und offene Klingen, wie die des Rasiermessers, erzeugen immerfort einen Schauder, der weit unter der Haut schneidet und wahrscheinlich noch heute - fast hundert Jahre nach Vollendung des Romans. Joyce hat einmal gesagt, er wolle ein Abbild von Dublin erschaffen, so vollständig, dass, wenn die Stadt eines Tages plötzlich vom Erdboden verschwände, sie aus seinem Buch heraus vollständig wieder aufgebaut werden könne. Als mich meine Tochter im November fragt, ob ich mir vorstellen kann, die diesjährige Weihnachtsreise nach Dublin zu unternehmen, bin ich ein bisschen verblüfft, da ich noch nie daran dachte, die irische Hauptstadt zu bereisen. Tatsächlich liegt der Grund abermals bei Joyce. Es geht nicht darum, dass man den Weg des Leopold Bloom durch Dublin detailliert nachvollziehen kann. Es geht um die Gedanken, die einem dabei durch den Kopf gehen. Steht man vor Sweny’s Pharmacy, so muss man bestimmt keine Zitronenseife kaufen, um den Duft in der Luft zu schmecken. Seit den Zeiten von James Joyce hat sich nicht viel verändert, denn die ganze Welt steckt in diesem Roman. Und so möchte ich meinen Bericht nicht hoch über Dublin, sondern im Merrion Square Park vor der Statue von Oscar Wilde beschließen, zumal ich die zwei wertvollsten Dinge der Stadt bei mir spüre: meine Tochter Anna und die Erstausgabe von Oscar Wildes glücklichem Prinzen.

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