Imagine Vividly

   

Every Friday a Note

Jede Rolex erzählt eine Geschichte, heißt es auf der Homepage des Herstellers. Während ich die Seite nach unten scrolle und mir die Geschichte der ersten wasserdichten Rolex von 1926 und ihrer zehnstündigen Durchquerung des Ärmelkanals am Handgelenk der Schwimmerin Mercedes Gleitze durchlese, kratze ich unauffällig am Handgelenk. Ehrlich jetzt? Juckt die Rolex, fragt meine Tochter, die mir gegenübersitzt. Luxus ist auch nicht einfach, setzt sie süffisant nach. Weißt du noch? Damals in dem Salon? Selbstverständlich kann ich mich gut erinnern. In regelmäßigen Abständen gehe ich zu einem anderen Friseur. Die Coiffeure tragen das nach, aber mein umtriebiges Gemüt probiert ständig aus. Und ich muss entdecken und kann es mir nicht richtig gemütlich machen. Heute, morgen, so lange wie nötig. Vor allem in anderen Städten. In solchen Fällen suche ich an meinen Urlaubsorten oder bei kurzen Städtetrips den hiesigen Stylisten auf. Ob die Kurzhaarfrisur in Palma oder dunkelblond in Zürich, ich mache vieles mit. Eines Tages lasse ich mir von Sam McKnight PVC-Schläuche in die Haare stecken. Vor dreizehn Jahren fahre ich eine Zeit lang zu einem Coiffeur nach Hannover und träume heimlich von einer Rolex. Warum lästern Friseure so gern? Weil es die Lästernden verbindet und gleichzeitig befreit. Und so ist das auch hier. Schon als ich den Laden zum ersten Mal betrete, sprühen die Funken der Schadenfreude. Es geht hoch her, um Politik, Kunst, Kultur und Prominenz und das hiesige Bürgertum. Allen voran eine zarte schlanke ausnehmend exquisit gekleidete alte Dame. Ihr Vorname ist Anneliese, aber ich soll sie Annely nennen, da sie viele Jahre in London gelebt hat. Ohne ihre Vorgeschichte auszuplaudern, ist das, was gleich folgt, kaum zu verstehen. Annely wird 1924 als Tochter jüdischer Eltern in Hannover geboren und wächst dort in großbürgerlichen Verhältnissen auf. Nach dem Exil zieht die Familie nach London und erlebt rosige Zeiten und Glücksmomente. Annely heiratet den schottischen Bildhauer Constantin, der ihr zur Hochzeit 1958 eine Rolex Oysterdate Precision in der gerade erst 1957 eingeführten Lady-Variante schenkt. Ewigkeit soll die Uhr den Liebenden symbolisieren, aber manchmal ist es nur eine leise Melancholie. Nach all den Jahren sehnt sich Annely schon kurz nach der Trauung in die Heimat zurück. Es vergeht Zeit. Die Sorge um die Kinder, die Trennung, doch dann folgt die Übersiedlung nach Hannover und die Rolex verschwindet für 45 Jahre im Tresor, denn Annley findet keinen Gefallen daran. Mehr noch, scheußlich unprätentiös sei das Ding, schimpft sie und bietet sie mir zum Kauf an. Was? Meint sie das wirklich ernst? Auf der Stelle bekomme ich tellergroße glänzende Auge und der Raum strahlt. Natürlich möchte ich! Ob ich mir das leisten kann? Annely ist konsterniert, winkt ab, Geld spielt keine Rolle, und verabredet sich mit mir zu einem nächsten Treffen. Drei Wochen später kaufe ich Annelys Rolex Oysterdate Precision, das einstige Hochzeitsgeschenk des schottischen Bildhauers, indem ich die Friseurrechnung der alten Dame begleiche. Ewig, mit jedem Blick auf meine wunderschöne Uhr wird mir die Erinnerung an Annely lebendig sein.