Imagine Vividly

   

Every Friday a Note

 1967 oder ein Seidentuch aus einer Nacht im Jardin Majorelle

Marrakesch gilt als Märchenstadt aus 1001 Nacht. Von überall her kommen Stimmen, Geräusche und Gerüche. Ob Fahrräder, Eselskarren, Mopeds oder Autos, es ist ein heilloses Gewusel von Geschäftigkeit. Nina schaut sich um und vermisst den Zauber der Stadt, von dem alle so schwärmen. Mechanisch läuft sie dem Strom der Menschen hinterher und steht wenig später vor der prunkvollen Fassade des Bahia-Palastes. Es ist einer der wenigen Prachtbauten, die man in Marokko besichtigen darf. Angeblich hat ein hoher Beamter ihn seiner Lieblingsfrau gewidmet. Im Inneren fließen all die bunten Mosaike und die fernöstlichen Laternen auf meine Freundin ein und eine Weile schaut sie mit glänzenden Augen umher. Wenig später begegnen wir uns im Innenhof des Palastes. Froh uns zu sehen, scheuen wir doch den Lärm der übrigen Touristen. Und so führt mich Nina durch die Gänge hinweg an einen stillen Ort. Als wir uns setzen, spüren wir die angenehme Kühle des Lehmes und betrachten einander in Freundschaft. Es ist, als wären wir im Hinterzimmer unserer Gedanken angekommen. Nina spricht von der Farbe der Stadt und streicht die rötlich leuchtenden Pigmente mit Leinöl zu einer Masse, die langsam die Nuance von Ocker annimmt und derart Gelb, Braun und Rosa vereint. Sie macht das mit ruhigen und gleichmäßigen Bewegungen, und während sie die Farbe verstreicht, erinnert es mich fast an die japanische Teezeremonie. Eine Art Meditation. Die Pigmente sprühen leuchtende Funken. Während ich träume, isoliert Nina die reine Essenz der Farbe, bis wir auf den Grund der Stadt blicken. Es ist die Geburtsstunde Marrakeschs, das wie eine Oase in der Wüste vor uns erscheint. Träume ich? Für einen flüchtigen Augenblick taucht das Antlitz unserer Freundin Solveig am Himmel auf, und mit einem Handstreich schüttet sie all die Farben der Stadt über uns aus. Es ist ihr Meisterwerk. Demungeachtet schließt ein Wimpernschlag die Augen unserer Freundin und aus dem Tag wird Nacht, aus dem Lärm wird Stille. Ein Wind zieht auf und das lehmige Gestein des Raumes bricht, bis der Sand aus den tiefen Furchen murmelt. Aus der Stille bahnt längst ein lärmender Sturm seinen Weg, lässt uns erschrocken aufspringen und davonlaufen. Fort durch die staubigen Gassen und schnell hinein in ein Restaurant. Von außen ist es unscheinbar, doch von innen fast noch prachtvoller als der Bahia-Palast selbst, und wir fühlen uns wie in einem arabischen Märchen. Der ganze Saal ist voller Mosaike, die Tafel schön gedeckt. Zur Vorspeise gibt es einen typischen marokkanischen Vorspeisenteller mit verschiedenen Gemüsesorten, Auberginen vor allem und Fladenbrot. Als Hauptgang eine typische Tajine, ein Gericht, das in einem Tontopf mit Gemüse gegart wird, meistens mit Hühnchen oder Fisch. Für Nina und mich hingegen ist der Höhepunkt der Nachtisch, der von dem Kellner über der Schulter in einem riesigen Obstkorb hereingetragen wird. In diesem Moment erscheint uns Vera in Gestalt einer Sultansdame, denn es ist einfach ein orientalischer Traum. Der süße Duft der Orangen trägt uns drei Freundinnen in die dunkelblaue Nacht. Noch nie haben wir so duftende Orangen gegessen, und Vera erzählt uns von den Köstlichkeiten, die in den fruchtbaren Oasen des Wüstenlandes um Marrakesch herum wachsen. Zu Dritt ist der Lärm auf den Gassen leichter zu ertragen, und wir schlendern zur Koranschule Medersa Ben Youssef aus dem 14. Jahrhundert. Sie zählt zu den größten Koranschulen der arabischen Welt, und Nina schwärmt von der Schule als einem Meisterwerk der Architektur aus dem Morgenland. Bevor wir das eigentliche Glanzlicht, die Souks, von Marrakesch erreichen, erhaschen wir noch einen Blick durch die Fenster der Studentenzimmer und ziehen gedankenverloren weiter. Die Waren der ganzen Umgebung werden auf den Märkten, den Souks, zusammengetragen und verkauft. Wir sind froh, dass uns Vera durch die verschlungenen Marktgassen führt, denn allein hätten Nina und ich aus dem Labyrinth der schmalen Straßen nie mehr herausgefunden. Schon bald gesellt sich unsere Freundin Bianca in Gestalt einer Schlangenbeschwörerin dazu, die uns zuverlässig durch die Gänge begleitet. Es wirkt, als wären hier alle miteinander verbandelt und wir vier Freundinnen ein Teil dieser großen Familie. Während ich den anderen hinterherlaufe, bin ich wie in Trance von der Vielzahl an Sachen, die es hier zu kaufen gibt: hübsche orientalische Lampen, die schönsten Spiegel, die ich je gesehen habe und kunstvoll gearbeitete Silbertabletts. Bianca und ich sind uns einig, am liebsten würden wir sofort eine komplett neue Wohnungseinrichtung kaufen. Wir fühlen uns, als wären wir einem Geheimnis auf der Spur, auf der Suche nach der Seele dieses Ortes lassen wir uns von Vera durch die Gassen leiten. Doch wo ist sie jetzt? Bianca zieht mich in die Färbergasse und zeigt mir, wie ein Mann Schafswolle färbt. Er taucht die Wolle in einen Farbbottich, vor lauter Dampf schwinden mir die Sinne. „Haben wir Vera verloren?“, unterbricht Nina meine Gedanken. Mir wird schwindelig in dem bunten Treiben und ich sorge mich um Vera. Wir haben sie hier in den Souks von Marrakesch verloren und ein einziges Mal sehen wir Drei ihr Gesicht in der Menge, bevor sie die Lider traurig senkt und für immer verschwindet. Zur Aufmunterung nimmt uns Bianca mit auf den Djemaa el Fna, dem zentralen Platz von Marrakesch. Übersetzt heißt er „Platz der Geköpften“. Darin unterscheidet sich der Djemaa el Fna auch nicht von allen anderen mittelalterlichen Marktplätzen. Seit dem 12. Jahrhundert kommen die Einwohner Marrakesch hierher, um Waren zu handeln, zu tauschen oder zum Arzt zu gehen. Die Beduinen aus der Wüste kauften hier ihre Kamele, Ehen wurden per Handschlag besiegelt und die Gaukler erzählten ihre berüchtigten Geschichten. Hier ist Bianca zuhause. Sie ist eine Schlangenbeschwörerin und lässt eine Kobra vor Nina und mir aus dem Korb steigen. Zum Glück haben wir keine Reptilienphobie und bewundern unsere Freundin für ihren Mut. Die dressierte Viper tanzt zu den Klängen der Musik. Nina möchte einen Minztee trinken, und wir schauen dem Treiben von einer Dachterrasse aus zu. Vom Jardin Majorelle strömen leuchtende Farben in den dunkelblauen Nachthimmel und leise Töne dringen durch den Lärm des Platzes zu uns. Wir drei Freundinnen machen uns auf den Weg zum Garten des Modeschöpfers Yves Saint Laurent. Vielleicht treffen wir hier Helga und Martina? Im Jardin Majorelle herrscht blaue Kunst, vereint mit dem Grün der Kakteen und Palmen. Der Modeschöpfer Yves Saint Laurent gibt eine Party und unsere Freundinnen jubeln und winken, als wir eintreffen. Martinas Haar leuchtet golden in den Nachthimmel, und der Modeschöpfer hüllt sie in ein Tuch aus Seide, das er 1967 hier in Marrakesch entwarf. Er grüßt uns und wendet sich dann erneut an Helga. Die beiden sind sofort tief versunken in ihre Diskussion über Kunst. Schade, dass ich bald die Heimreise antreten muss. Ich drehe mich um, reibe die Augen und erwache aus meinem Traum. Doch lange noch glänzt das Morgenland in den Tag hinein. Aus meiner Schublade nehme ich das Seidentuch, das Yves Saint Laurent 1967 in Marrakesch entwarf. Ich spüre den Stoff und rieche die Farben von Marrakesch, bevor ich ein kleines Päckchen schnüre, um es an das Designerduo Rianna und Nina zu schicken. Es ist das wertvollste Fundstück, dass ich je besessen habe, doch meine Geschichte endet hier, um in der neuen Kollektion der Berlinerinnen fortgeschrieben zu werden.