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Erinnerungen an die Zukunft - Forever Young - Teil I

Was aber wäre, wenn man wirklich einen Blick in die Zukunft werfen könnte. Schließlich leben wir im Zeitalter der Genetik. Rasch aus ein paar Zellen extrahiert, lässt sich ein Blick auf unseren biologischen Kaffeesatz werfen. Unsere gesundheitliche Zukunft ist so vorhersehbar. Bekomme ich Krebs oder werde ich fett? Selbstverständlich möchten wir all das wissen, um anschließend gesünder zu leben, mehr Sport zu machen, um eben vorbereitet zu sein. Wissen ist Macht! Wonach wird die Menschheit in den nächsten Jahren eifern wollen? Im 21. Jahrhundert strebt der Mensch tatsächlich nach Unsterblichkeit. Die moderne Wissenschaft hat schon heute eine gänzlich andere Auffassung von Leben und Tod als die der Kirchenführer. Für die Wissenschaftler ist der Tod weder metaphysisches Mysterium noch die Quelle für den Sinn des Lebens. Der Tod ist vielmehr nur ein technisches Problem, das wir lösen können und lösen sollten. Menschen sterben immer wegen einer technischen Störung. Das Herz hört auf, Blut durch den Körper zu pumpen. Die Hauptschlagader ist durch Fettablagerungen verstopft. Krebszellen breiten sich in der Leber aus. Keime vermehren sich in der Lunge. Und was ist für all diese technischen Problem verantwortlich? Andere technische Probleme. Das Herz hört auf zu schlagen, weil der Muskel nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird. Krebszellen wuchern, weil eine zufällige Genmutation ihren Code verändert hat. Keime siedeln sich auf unserer Lunge an, weil jemand in der Straßenbahn krank war und geniest hat. An all dem ist nichts Metaphysisches. Und für jedes einzelne technische Problem gibt es auch eine technische Lösung. Wir sind nicht mehr an ein jüngstes Gericht gebunden. Oder einen Gott. Uns reichen ein paar Verrückte in einem Labor. Es ist das erklärte Ziel der modernen Wissenschaft und der Transhumanisten, den Tod zu besiegen und den Menschen ewige Jugend zu verschaffen. Uns allen sind in diesem Zusammenhang die Namen des Gerontologen Aubrey de Grey und des Universalgelehrten Ray Kurzweil geläufig. Seit 2012 ist Kurzweil Leiter der technischen Abteilung bei Google. Ein Jahr nach Kurzweils Einstieg wird „Calico“ dann als Subunternehmen von Google gegründet, dessen Ziel darin besteht, den Tod zu beseitigen. Manche unken, dass die ersten Unsterblichen bereits unter uns wandeln. Tatsächlich vermuten wir diese Prototypen der nahen Zukunft doch eher auf der Fifth Avenue in New York als in der Bahnhofstraße in Bielefeld. Und ganz sicherlich sind diese Menschen eher amortal als unsterblich. Anders als Gott können sie weiterhin ums Leben kommen. Was sie womöglich zu den ängstlichsten Menschen macht, die es je gab, meiden sie jedes Risiko. Denn ein ewiges Leben ist doch so viel wertvoller als die Sterblichkeit. Und wer glaubt, dass religiöse Führer skrupellos seien, der schaue sich an, was ältere Ölmilliardäre und alternde Starlets tun werden, wenn sie glauben, das Lebenselixier sei in greifbarer Nähe. Falls und sobald die Wissenschaft im Kampf gegen den Tod signifikante Fortschritte macht, wird sich der eigentliche Kampf aus den Laboren in die Parlamente und Gerichtssäle und auf die Straßen verlagern. Sobald die wissenschaftlichen Bemühungen von Erfolg gekrönt sind, werden sich die erbitterten politische Konflikte der Vergangenheit als blasses Vorspiel für den wahren Kampf, der vor uns liegt, erweisen: den Kampf um die ewige Jugend.