Imagine Vividly

   

Every Friday a Note

Erster Akt: Auftritt Maria Stuart in Fotheringhay Castle

(Der Vorhang öffnet sich) Heute, am 29. Juni, beginne ich mit meinem Bericht. Es heißt, der Februar sei der kürzeste Monat, doch das könnte ein Irrtum sein, denn er ist der übelste Mond des Winters: Erbarmungslos und langweilig. Der Juni hingegen enthält den Tag der Sommersonnenwende, den längsten Tag mit der kürzesten Nacht. Es ist der Monat der roten und weißen Rosenblüte, doch Menschensinn und Juniwind ändern sich oft sehr schnell. Unter dem Vorwand, mir seien die Wörter abhanden gekommen, schleiche ich mich mitten in der Nacht aus dem Schloss und setze mich unter eine große Eibe, die in der Dunkelheit einen skelettartigen Schatten auf den Fluss Nene wirft. Das Schloss liegt in meinem Rücken, hoch auf dem Hügel über der Ebene, und das Land ist flach und hat mit seinem harten blauen Himmel und seiner klaren Winterluft eine Atmosphäre, als wäre man weit im schottischen Norden und nicht im Haus der Herzöge von York. Wenn die dunklen Wolken über den Himmel ziehen, ist es unheimlich und die weiten Ausblicke über das Land ängstigen mich. Etwa eine halbe Stunde vergeht, und während ich auf das Wasser starre, höre ich die Stimme meiner Freundin Bianca, die mich fragt, ob es denn manchmal schwierig sei, eine Geschichte auszudenken. Es ist die lange Zeit des Wartens und die Ungewissheit. Als sich meine Geduld scheinbar längst dem Ende neigt, fällt ein großer Stein ins Wasser und im zarten Licht des Mondscheins taucht ein klarer Kreis in aller Strenge der Form auf und lässt die Wellen in seinem Inneren zu immer kleineren Krönchen aufspringen, während um ihn herum der ganze Fluss in großen Wellen aufwogt und murmelt, um dann wieder zu schweigen. Und so wie der Stein im Wasser verschwindet und mit ihm die letzte Spur, ist die Geschichte plötzlich da. Erneut schaue ich zurück, sehe das Schloss, ahne, wie sich aus dem Schatten von Fotheringhay Castle eine schlanke dunkle Gestalt löst, spüre die anmutigen Schritte und schon ist sie da, hält mir die zarte weiße und doch kalte Hand, gibt mir den Siegelring zum Kusse hin. Die schottische Königin muss meine Ergebenheit nicht einfordern, denn meine Loyalität ist ihr gewiss. Mit einer grazilen Geste streicht sie das mit schwarzem Samt gesäumte Satinkleid zur Seite, um sich mit einer raschelnden Bewegung  dicht an meine Seite gelehnt zu setzen und dabei einen kurzen Blick auf ihren dunkelroten Samtunterrock zu ermöglichen. Am Gürtel trägt sie zwei Rosenkränze und ein weißer Schleier bedeckt ihr Haar (und kann doch die übergroßen birnenförmigen Perlen an ihren Ohren nicht verbergen). Trotz der Traurigkeit ist sie ein Ausbund an Schönheit, und wenn sie lächelt, ist das ein eigenes Universum. Und ich werde mir Mühe geben, alles so genau aufzuschreiben, wie es mir möglich ist, und nicht in diese undifferenzierte  Idealisierung zu verfallen, die uns in ihrer Gegenwart nur allzu schnell ereilen mag. Über kaum eine historische Figur ist derart viel Widersprüchliches berichtet worden wie über Maria Stuart. Ihr Leben scheint eine einzige Tragödie zu sein. Den Schotten ist sie Märtyrerin, den Engländern Verräterin oder gar Mörderin. Den geneigten Lesern erscheint sie geheimnisvoll, doch der Nimbus der Verklärung mag aus ihrer unruhigen Lebenskurve, erzeugt durch die überbordende Leidenschaft des Augenblicks, erklingen. Es gibt Menschen, die vermögen ein einziges Jahr in solch wallender Aufruhr zu verbringen, dass es für ein Menschenleben reicht, um dann die restlichen Tage in absoluter Stille zu fristen. Seit der Sommersonnenwende vor einer Woche warten wir Nacht für Nacht auf ihre Hinrichtung. Keiner von uns beiden sagt ein Wort. Da sitzen wir, an den Fuß des Baumes gelehnt und betrachten einander. Und das ist eigentlich alles. (Der Vorhang fällt)

In der nächsten Woche am Freitag, den 18. Januar 2019 könnt Ihr den dritten Akt: Auftritt Elisabeth I. Tudor, lesen.